Donnerstag, 3. Oktober 2013

Von der Liebe und den zehn Gebothen - Hl. Petrus Canisius

Kurzer Inbegriff der christlichen Lehre oder Katechismus des ehrwürdigen Lehrers Petrus Canisius der Gesellschaft Jesu Theologen - Aus dem lateinischen Originalwerke in das Deutsche übersetzt - Dritte sehr verbesserte und um sieben Druck Bogen vermehrte Auflage  (1826)


Drittes Hauptstück.


 Von der Liebe und den zehn Gebothen 


I. Ist es wohl dem Christen genug, in der Lehre des Glaubens und der Hoffnung unterwiesen zu seyn?

 Es liegt hauptsächlich daran, daß derjenige welcher zu Glaube und Hoffnung gelangt ist, auch die Liebe habe. Denn von diesen insgesamn dreien lehrt Paulus, da er spricht: (a) Nun bleiben noch Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drey; davon aber die Liebe die größte ist.

 Gewiß groß ist der Glaube, der allein vermag, (b) Berge zu versehen und Wunder zu wirken; groß auch die Hoffnung, ein Helm (c) und Anker des Heiles, welche den Erwägung der Gute Gottes und der Größe der Belohnung sowohl den Leidenden den größten Trost, als auch den Flehenden außerordentliches Vertrauen einflößt. Die größte aber ist die Liebe, (d) die Fürstin aller Tugenden, die kein Maaß und Ziel weiß, und uns auch im Tode nicht verläßt, die stärker ist als der Tod, ohne welche zwar Glaube und Hoffnung dem Christen einwohnen, aber zu einem heiligen und seligen Leben (e) durchaus nicht hinreichen können. Daher von Johannes gesagt ist: (f) Wer nicht liebt, der bleibt im Tode, obgleich ein solcher inzwischen glaubt und hofft, wie die thörichtcn Jungfrauen in dem Evangelium (g) uns zum (warnenden) Beyspiele dienen können.

II. Was ist aber die Liebe?

Eine Tugend, von Gott eingegossen, kraft welcher Gott wegen seiner selbst und der Nächste um Gottes willen aufrichtig geliebt wird.

 Denn allererst ist Gott in Allem(a) und  über Alles und allein wegen seiner selbst zu lieben, als der ganz einzig das ewige und höchste Gut ist, welches allein unsere Herzen erfüllt und sättiget, dessen Liebe und Ehre (b) der Anfang und das Ziel unseres Willens sowohl, als auch unsers Thuns und Lassens seyn soll.

 Darnach sollen wir den Nächsten um Gottes willen (c) lieben, das heißt, einen jeden Menschen ohne Unterschied, (d) nachdem wir alle unter einander die Nächsten, und durch die engste Verwandtschaft mit einander verbunden sind, nämlich nach der menschlichen Natur, welche die Kinder Adams mit einander gemein haben, und wegen der göttlichen Gnade und ewigen Herrlichkeit, die Allen zu Theil werden kann, welche nur wollen.

 III. Wie viele Gebothe der Liebe giebt es?


 Zwey Hauptgebothe; das erste von der Liebe zu Gott, das in dem alten und neuen Gesetze mit diesen Worten gegeben ist: (a) Du sollst Gott deinen Herrn lieben aus ganzem deinem Herzen, und aus ganzer deiner Seele, und aus ganzem deinem Gemüthe und aus allen deinen Kräften. Das ist das erste und größte Geboth; - das zweyte aber ist diesem gleich: du sollst deinen Nächsten lieben, wie dich selbst. An diesen zweyn Gebothen hängt das ganze Gesetz und die Propheten.
 Diese Liebe ist die Fülle (b) des Gesetzes und die Vollendung der Gerechtigkeit, das heißt (c), das Band der Vollkommenheit, die Liebe, sage ich, von (d) reinem Herzen und guten Gewissen und unverfälschtem Glauben.

 IV. Wie giebt sich die wahre Liebe zu erkennen?


Die Probe (a) der wahre Liebe ist die Ausübung des Werkes, und die Beobachtung der göttlichen Gebothe.
 Daher spricht der von Christus geliebte Johannes: (b) Das ist die wahre Liebe Gottes, daß wir seine Gebothe halten, und seine Gebothe sind nicht schwer.
Und wiederum: (c) Wer da sagt, er kenne Gott und hält seine Gebothe nicht, der ist ein Lügner, und in ihm ist nicht die Wahrheit. Wer aber sein Wort hält, in einem solchen ist wahrlich die Liebe Gottes vollkommen. Darin erkennen wir, daß wir in ihm sind.
 Ja es lehrt auch Christus selbst: (d) Wenn ihr mich liebet, so haltet meine Gebothe. Wer meine Gebothe hat und sie hält, der ist es der mich liebt. Wer aber mich liebt, der wird von meinem Vater geliebt werden und ich will ihn lieben und mich ihm offenbaren. Wer mich nicht liebt, der hält meine Gebothe nicht.

V. Welches sind die Gebothe Gottes, die vorzüglich auf die Liebe sich beziehen?

 Die zehn Worte Gottes die zuerst durch Moses den Juden gegeben und hernach durch Christus und die Apostel (a) allen Christen anbefohlen worden sind, die auch den Namen der zehn Gebothe Gottes erhalten haben, und so aufgezählet werden.
 Ich bin der Herr dein Gott
I. Du sollst keine fremde Götter (b) neben mir haben. Du sollst dir kein geschnitztes Bild machen, um es anzubethen.
II. Du sollst den Namen deines Gottes nicht eitel in den Mund nehmen
III. Gedenke daß du den Sabbath heiligest
IV. Ehre deinen Vater und deine Mutter, auf daß du lange lebest auf der Erde, welche dir der Herr dein Gott geben wird
V. Du sollst nicht tödten
VI. Du sollst nicht ehebrechen
VII. Du sollst nicht stehlen
VIII. Du sollst wider deinen Nächsten kein falsches Zeugniß geben
IX. Du sollst nicht begehren deines Nächsten Hausfrau
X. Du sollst nicht begehren deines Nächsten Haus, noch Feld, Knecht, Magd, Ochs, Esel, noch etwas, das sein ist

VI. Was will dieser Eingang sagen: Ich bin der Herr dein Gott?

 Die zehn Gebothe fängt Gott an von der Erkenntniß seiner und von der Offenbarung seiner Majestät, aus daß wir den Gesetzgeber, wenn wir ihn erkennen, auch mehr verehren, und seine Gebothe die er uns gegeben, bey Allen ein größeres Ansehen hätten. Er handelt nämlich mit uns ernstlich, so daß wenn wir anders selig (a) werden wollen, wir dann als in dem klarsten Spiegel, den Willen der göttlichen Majestät und die ganze Weise recht zu leben, klar schauen, und jenes heiligste Gesetz, wenn wir es erkannt haben, (b) mit Hilfe des Geistes Christi genau halten.
 Denn unser Gesetzgeber gebiethet nicht nur, sondern verheißt auch Segen, (c) und verleiht Hilfe. Er spricht: (d) Ich will meinen Geist in euch geben, und machen, daß ihr in meinen Gebothen wandelt und meine Rechte haltet und (darnach) thuet. Darum auch (e) Christus, da er befohlen hatte: Nehmet mein Joch auf euch, damit nicht Jemand über die Schwere der Last klagen könnte, anfügte: denn mein Joch ist süß und meine Bürde leicht, nämlich denjenigen, welche, mit dem Geiste der Gnade begabt, in ungefärbter Liebe wandelnd.

 VIII. Was faßt das erste Geboth in sich?

 Es verbiethet und verdammt den Götzendienst, die abergläubischen Meinungen, wie auch den Gebrauch der Zauber und Wahrsager Kunst.
 Es lehrt aber und fodert, daß wir gar kein Geschöpf, (a) sey es so vortrefflich, als es wolle, für Gott halten, sondern allein an den einzigen wahren, ewigen und unermeßlichen Gott glauben und denselben bekennen, und ihm einzig das Opfer und die besondere Ehre, den höchsten Dienst (b) den die Griechen Latria nennen, erzeigen.
 Solches geschieht so, daß wir dieses höchste und ewige Gut über (c) alles verehren, anrufen und anbethen, den besten und mächtigsten Schöpfer, Erlöser, Seligmacher, den Einen und unsterblichen Gott, der (d) über alles hoch gelobt ist, den Geber aller Gnade und Herrlichkelt.


 VIII. Wie ehren und rufen wir nebst Gott die Heiligen an?

 daß (c) sie durch den Glauben Königreiche bezwungen, Gerechtigkeit geübt, und die Verheißungen erlangt haben.
Wir handeln hier nicht von den Heiligen, das ist, den Geheiligten und in Christus Wiedergebornen, wie Paulus (a) diesen Namen häufig auf alle Christen anwendet; sondern wir verstehen darunter diejenigen, welche die Belohnungen ihrer Heiligkeit (b) im Himmel wirklich schon erlangt haben. Von diesen bezeugt der nämliche Paulus,
 Diese sind denn die wahrhaft Heiligen und Unbefleckten, ohne Mackel und Runzel, (d) diese vortrefflichern Glieder der Kirche und ganz auserlesenen Werkzeuge und Gefäße des göttlichen Geistes, in welche keine Sünde, nichts Böses mehr fallen kann. Diese Heiligen bestehen theils aus englischen theils aus menschlichen Wesen und sind jene edelsten und seligsten aller Geschöpfe welchen es gegeben ist, daß sie im Himmel die höchsten und ewigen Güter im vollesten Maaße genießen und mit Christus (e) dem Herrn allezeit in innigster Vereinigung leben.
 Deswegen denn können (f) sie auch wissen, was bey uns auf Erde sich begiebt; und weil sie von einer außerordentlichen Liebe zu den auch abwesenden Brüdern brennen, so tragen sie Sorge für unser Heil, (g) sind beständig uns gewogen, und wünschen uns alles was heilsam ist und sie nehmen sich unserer Sache um so eifriger an, als sie um sich selbst nicht mehr besorgt seyn dürfen, und je vollkommener und reiner die Liebe ist (h), die sie ununterbrochen hegen, und alle Tugend, die den Seligen zukommt.

 Das ist es denn, warum wir diese Lichter des Himmels, diese Grundvesten und zugleich Zierden (i) der Kirche nach Gott überaus hoch verehren; das ist es, warum wir diese Heiligen vor den übrigen Sterblichen, sie mögen so ausgezeichnet seyn, als sie wollen, so hoch schätzen, preisen, nachahmen und innigst lieben; das ist es, warum wir eben diesen, welche mit so großer und herrlicher Würde so reichlich beglückt sind, große Ehre erzeigen, wie es unsere Schwachheit vermag; das ist es endlich, warum wir sie, nach christlicher Frömmigkeit, ansprechen oder (k) anrufen, wahrlich nicht, als vermöchten sie durch sich selbst etwas zu verleihen, sondern daß sie bey Gott, dem Geber alles Guten, mit uns bitten, und für uns, die alles Verdienstes entblößt sind, günstige und wirksame Fürsprecher seyen.

 Eine solche Verehrung und Anrufung wenn sie recht geschieht, nämlich so, daß jene höchste Ehre, (l) jener dem höchsten Gott gebührende Dienst, den wir Latria genannt, unverletzt bestehe, hat wahrlich nichts Schädliches, auch widerstreitet sie nicht der Schrift, (m) sondern ist durch die kräftigsten Zeugnisse der Kirche bewiesen, und gewährt vielen Nutzen.

 Daß wir aber auf diese Weise die Heiligen verehren und mit der Kirche anrufen, verdunkelt nicht nur nicht die Ehre (n) Christi, unsers Heilandes und Herrn, sondern verherrlichet, vermehrt und breitet sie vielmehr aus. Denn hier strahlet die außerordentliche Kraft und Herrlichkeit Christi des Erlösers, weil Er nicht nur in Sich selbst sondern auch (o) in seinen Heiligen ist und erscheint - mächtig, herrlich, wunderbar; weil Er selbst dieselben (p) ehrt in  Himmel und auf der Erde überaus (q) geehrt wissen will, weil Er auch durch sie und ihrer (r) wegen vieles reichlich giebt, und oft der jenigen, die es nicht verdienen, schont. Denn es ist unbekannt, daß Abraham, (s) Isaak, Jakob, David, Jeremias, auch als sie schon gestorben waren, doch noch den Lebendigen nützlich gewesen sind, wie man es denn (in der göttlichen Schrift) lesen mag.

 Daher nennen die Väter, wenn sie von den Heiligen reden, dieselben häufig unsere Fürsprecher, (t) Vertreter und Patronen; und wahrlich nicht unrecht, da die Erfahrung Zeugniß giebt, daß die treuen Fürbitten der Heiligen Vielen gute Hilfe gewähren, wenn sie demüthig und andächtig im Namen Christi angerufen werden.

 Deswegen wurden schon längst die Vigilantianer (u) verdammt, welche die Heiligen und die geweihten Reliquien (v) derselben ihrer Ehren berauben wollen, die ihnen die rechtgläubige Kirche erweist.

Man soll also die Verleumder nicht anhören, welche erdichten, daß auf solche Weise von den Katholiken (x) die göttliche Verehrung auf Menschen übergetragen, die Heiligen als Götter angebethet, und die Geschöpfe dem Schöpfer gleichgesetzt werden.

 Denn daß sich die Sache ganz anders verhalte, haben wir viele Gegenbeweise; auch bezeugt es jene alte und feyerliche Anrufung, die man Litaney nennt, wo Gott und die göttlichen Personen allererst, und zwar viel höher (y) als die Heiligen, und als alle Chöre der Heiligen verehrt und angerufen werden.

 Daher auch die Einsetzung jener (festlichen) Tage von den Heiligen, welche St. Augustin, da er wider Faustus den Manichäer, schreibt, so vertheidiget; (z) er spricht: Das christliche Volk begeht mit andächtiger Feyer die Gedächtnisse der Märtyrer, damit es zur Nachfolge erwecket, zur Gemeinschaft ihrer Verdienste gezogen und durch ihr Gebeth ihm geholfen werde.

 IX. Streitet Wohl der angenommene Gebrauch der Bilder Christi und der Heiligen nicht wider dieses erste Geboth?


Ganz und gar nicht; weil wir nicht, nach der Weise der Heiden, (a) geschnitzte Bilder, Holz und Stein anbethen, als wären sie Götter (b) (denn das wird durch dieses Geboth aufs schärfste verbothen), sondern weil wir nach christlicher Weise und mit andächtigem Herzen Christum selbst und die Heiligen dort verehren, wo sie durch Bilder uns vorgestellt werden. Also lehrt die jetzige und die alte (d) Kirche mit größter Einhelligkeit,und empfiehlt uns die christlichen und ehrwürdigen Bildnisse, als deren Gebrauch wir auch von apostolischer Übergabe belobt, empfangen haben und durch die heilige Versammlung der Väter gut geheißen bewahren und halten. Ja sogar der alttestamentischen (e) Kirche hat Gott Bilder gegeben.

 Darum ist der Irrthum (f) der Bilderstürmer verdammt, als welche zwischen den heidnischen Götzenbildern und den Bildnissen Christi und der Heiligen keinen Unterschied machten, und nicht die Art und Weise der Gnadenzeit und des neuen Gesetzes bedachten, in welcher Gott Mensch geworden und sein Bild und Gleichniß, (g) das er im Anfange erschaffen, selbst angezogen, und in demselben sich uns vor Augen gestellt hat. Es ist das nicht nur ein Irrthum aus Unwissenheit, sondern sogar eine überaus schändliche (h) Wuth derjenigen, welche diese Bilder und unter diesen auch das Kreuz des Herrn aus geweihten Orten werfen und mit gottlosen Händen beynahe alles Heilige, wo sie können, zerstören.

X. Was schreibt uns das zweyte Geboth vor?

Es verbiethet den Mißbrauch und die Verunehrung des göttlichen Namens, was von Meineidigen, Gotteslästerern und von den jenigen geschieht, die bey Gott, den Heiligen und was heilig ist (a), leichtfertig zu schwören wider den Spruch Christi: (b) wollet nicht schwören; eure Rede sey: Ja! Ja! Nein! Nein!
 Hingegen fodert das Geboth, daß wir nach rechtem Gebrauche der Zunge dem göttlichen Namen die größte Ehrerbiethung erzeigen, den Eid halten, die Gelübde, die wir Gott und der Kirche gemacht haben, nicht brechen, endlich das Wort  (c) Gottes mit Ehrerbiethung behandeln.



XI. Was befiehlt das dritte Geboth?

 Es fordertm daß man den Sabbath Festtag in der Kirche mit gottseligen Werken zubringe. Es will daher, daß das Gemüth aller Sorgen ledig sey, damit es frei dem innern und äußern Gottesdienst sich ergeben könne, der in Glaube, Hoffnung und Liebe Gott gefeyert werden soll. Es will daß wir ungehindert die göttlichen Wohlthaten erwägen, mit heiligen Dingen uns beschäftigen, Gott bitten und anbethen sowohl für sich selbst zu Hause, als auch öffentlich mit andern im Geiste und in der Wahrheit. (a)

 Es verbieibet aber an den festlichen Tagen zu arbeiten, knechtische Arbeiten zu verrichten und weltlichen Geschäften sich zu ergeben, damit wir dem Herrn feyern, da wir in die Kirche gehen, den öffentlichen Gottesdienst der Kirche oder die Messe und die festgesetzte Predigt hören, wie denn dieses Geboth der Kirche die Frommen zu halten immer gewohnt waren.

 XII. Welches ist der Hauptinhalt dieser drey Gebothe?

 Diese drey erster Gebothe, welche auf der ersten Tafel (a) stehen, unterweisen uns in dem, daß wir Gott die wahre Verehrung erzeigen, innerlich nämlich und äußerlich, Mit Herz, Mund und Werk, zu Hause und öffentlich.
 Die andern sieben aber welche weiter folgen heißen die Gebothe der zweyten Tafel, und sind darum hinzugegeben, daß sie uns lehren was wir unsern Nächsten schuldig sind.

(a) Aug. quaest. 71. in Exod. et in Ps. 32. conc. 1.

 XIII. Was gebiethet und hält uns das vierte Geboth vor?


Es werden hier die Kinder gelehrt, was sie ihren Aeltern schuldig sind, durch deren Hilfe sie zum Leben gebracht und durch deren Bemühung sie liebreich erzogen worden sind. Auch werden die Untergebenen (a) gelehrt gegen die Obern ihre Pflicht zu beobachten, das ist, gegen alle diejenigen, welche an Würde und Gewalt andern vorgehen, es sey in geistlichen oder in weltlichen Aemtern.

  Es sind aber jene ihren Aeltern und diese ihren Obern eine gewisse innere, sowohl als auch äußere Ehrerbiethung und Hochachtung, dann auch Hilfe und Gehorsam schuldig.

 Ueberdieß wird verbothen, solche höhere Personen auf keine Weise zu beleidigen oder zu betrüben, es geschehe mit Worten, Gebehrden oder Werken.

 XIV. Was schließt das fünfte Geboth in sich?


Es verbleibet nicht nur den äußern Todschlag und alle Gewaltthätigkeit, welche Leib und Leben des Nächsten verletzt, sondern es untersagt auch allen Zorn, Haß, Groll, Widerwillen, Rachsucht und alle böse innerliche Bewegung, unordentliche Neigung und Hang, den Nächsten zu verletzen.

 Es fordert (a)t hingegen Sanftmuth, Menschlichkeit, Güte, Leutseligkeit, Mildthätigkeit, nämlich, daß wir die Unbild leicht vergessen, und nicht Rache fordern, sondern die Beleidigungen einander so vergeben wie Gott in Christus (b) uns vergeben hat.

 

XV. Was enthält das sechste Gebot?

 Es verbietet Hurerey, Ehebruch und allen ungesetzlichen Beyschlaf und jede unreine Lust.
 Es will zugleich vermieden und abgeschnitten wissen die Gelegenheiten, die des Fleisches böse Lust reitzen und entzünden, als da sind schandbare Reden (a), unzüchtige Lieder, unverschämte Gebehrden.
 Es gebiethet hingegen eheliche Treue; (b) dann alle Schamhaftigkeit und Reinigkeit, sey es des Herzens, in Gedanken und Begierden, oder des Leibes (d) mit der Zunge, dem Angesichte, den Augen, Ohren, mit Betastung und endlich mit allem äußeren Anzüge und Schmucke, so, daß wir, wir mögen allein oder mit andern leben, nicht nur jede Art Verschwendung und Unmäßigkeit fliehen, sondern auch Eingezogenheit, Nüchternheit und Enthaltsamkeit fleißig üben.


 XVI. Was wird in dem siebenten Gebothe gelehrt?

 Es wird dadurch verbothen alle unerlaubte Berührung und Aneignung einer fremden Sache durch Diebstahl, Raub, Simonie, Wucher, unrechten Gewinn, bösen Betrug und durch was immer für andere Verträge dadurch die brüderliche Liebe verletzt, und der Nächste listig hintergangen wird.

Hingegen fodert dieses Geboth, daß in jedem Geschäfte oder Handel die Billigkeit unverletzt gehalten und der Nutzen des Nächsten, so wie sich eine Gelegenheit darbiethet, auf alle Weise und durch unsere Hilfe befördert werde.



XVII. Was ist im achten Gebothe enthalten?

Es ist uns darin verbothen falsches und betrügliches Zeugniß wider Einen zu geben, und die Sache des Nächsten bey dem Gerichte auf irgend eine Weise zu verkehren, oder auch außer Gericht den guten Ruf und Namen desselben zu verletzen, wie solches gewiß von den Ohrenbläsern, Ehrabschneidern, Lästerern, Anklägern und Schmeichlern geschieht. Kurz es wird hier alle Lüge und jeder Mißbrauch der Zunge wider den Nächsten untersagt.
 Dagegen werden wir gelehrt von dem Nächsten gut und wohl zu reden, nämlich zu seinem Schutze und Nutzen ohne Falschheit, Verstellung und Hinterlist.



XVIII. Was enthalten die zwey letzten Gebothe in sich?

 Sie verbiethen die Begierde nach eines andern und fremdem Gute, so daß wir uns nicht nur von eines andern Ehefrau, von unerlaubten Handelschaften, und von äußerlicher und offenbarer Ungerechtigkeil enthalten, sondern auch nicht einmal mit Willen Jemand schaden oder zu schaden vorhaben oder rathen sollten.
 Hingegen forder diese beyden Gebothe Aufrichtigkeit des Herzens und reines Wohlwollen gegen alle Menschen, daß wir was zu des Nächsten Heil und Nutzen dient von Herzen wünschen und in die Begierde dem Nächsten auch nur im Geringsten Unrecht zu thun, niemals einwilligen.



XIX. Worauf endlich beziehen sich alle zehn Gebothe?


Auf die Liebe, welche zweifach ist, und die uns jene zwey Tafeln, (a) auf welche der Finger Gottes diese Gebothe geschrieben hat, empfehlen. Denn die Gebothe der ersten Tafel lehren was zur Liebe Gottes, die Gebothe der zweyten Tafel, aber was zur Liebe des Nächsten gehört.
 Von diesen zehn Gebothen lehren uns die beyden erstern, daß wir uns vorzüglich vor Sünden, welche dem Dienste und der Verehrung Gottes zuwider sind, nämlich vor Götzendienst und Meineid hüten sollen.
 Das dritte Geboth aber ermahnt uns, (Gott) den wahren und reinen Dienst mit Herz, Mund und Werk gläubig zu erzeigen. Wo solcher recht und wohl gehalten wird, da wird gewiß Gott allein in Allem und über Alles geliebt und verherrlichet.
 Der Inbegriff der Gebothe aber, welche auf die Liebe des Nächsten sich beziehen, faßt sich in das Eine (bekannte Wort): (b) Was du nicht willst, daß dir von einem andern geschehe, siehe zu, daß du es auch ihm nicht thuest. Mit diesem stimmt jener Ausspruch Christi überein: (c) Alles was ihr wollet das euch die Leute thun, das thut auch ihnen. Denn das ist das Gesetz und die Propheten.

 XX. Welches sind die Eigenschaften und Proben der brüderlichen Liebe?

 Von diesen lehret Paulus so: Die Liebe ist geduldig, ist gütig. Die Liebe ist nicht eifersüchtig, treibt nichts Böses, blähet sich nicht auf, ist nicht ehrgeizig; sie sucht nicht das Ihrige, läßt sich nicht erbittern, denkt nichts Böses; sie freut sich nicht über Unrecht; sie freut sich aber der Wahrheit; sie erträgt Alles; sie glaubt Alles; sie hofft Alles; sie duldet Alles.
 Christus aber, um sich selbst zum Beyspiele der wahren und vollkommnen Liebe uns zu geben, sprach bey jenem letzten Abendmahle, welches er durch Zeichen seiner außerordentlichen Liebe wunderbar gewürzt hat, diese ernsten Worte: (a) Ein neues Geboth gebe ich euch, daß ihr einander liebet. So wie ich euch geliebet habe, so sollt auch ihr einander lieben. Und wieder: (b) Das ist mein Geboth, daß ihr einander liebet wie ich euch geliebt habe.
 Und dieses (Geboth) ist wahrlich von solchem Gewichte, daß St Paulus es mit diesen Worten bekräftiget: (c) Wer den Nächsten liebt hat das Gesetz erfüllt.
 Wir beschließen dieses Hauptstück von der Liebe mit einem göttlichen Spruche: (d) Erwähle das Leben, damit sowohl du lebest, als auch deine Nachkommen; und liebe den Herrn deinen Gott, und gehorche seiner Stimme und hange ihm an. Denn Er ist dein Leben und die Länge deiner Tage.
 Damit aber Niemand zweifeln möge, daß in diesem Stücke das Evangelium Christi mit dem Gesetze genau zusammenstimme, so werden wir an das Wort erinnert das Christus gesagt hat: (e) Wenn du willst zum Leben eingehen, so halte die Gebothe. Und an einem andern Orte, nachdem er die Gebothe und Werke der Liebe empfohlen hat, fugt er diese Worte an: (f) Thue das und du wirst leben. Denn (g) nicht die das Gesetz hören sind vor Gott gerecht, sondern die das Gesetz thun, werden gerechtfertiget.
 Die das Gesetz gethan haben, (h) waren Abel, Noe, Abraham, Zacharias und die Uebrigen, welchen die Schrift das Zeugniß giebt, daß sie vor Gott gerecht gewesen, als die da Gott und den Nächsten im Werke und in der Wahrheit liebten.
 Daher denn David, unter ihnen nicht det Letzte, und der sich hoch rühmen darf, sing:t Ich laufe den Weg deiner Gebothe, da du mein Hetz tröstest. (k) Ich liebe, halte und bewahre deine Gebothe und Zeugnisse; (l) wer sie bewahrt hat großen Lohn. (m) Verflucht sind, die von deinen Gebothen abweichen.

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